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Motive und zentrale Aspekte | Drucken |
Den thematischen Kern des Dramas machen leitmotivartige Bilder bzw. Aspekte aus, welche den gesamten Handlungsstrang durchziehen.

Motive der Milch und des Buchs

Die Wichtigkeit der sozialen Verankerung der Wissenschaft, wird im Motiv der Milch, das oftmals in Kontrast zum Motiv des Buchs verwendet wird, verdichtet. Der Auftakt des Dramas „Stell die Milch auf den Tisch, aber klapp kein Buch zu.“ (S. 9) kann als Lebensmotto des Gelehrten verstanden werden, das er seinem Schüler Andrea in dieser Szene vermittelt. Die Milch als Verkörperung existenzieller Bedürfnisse und sinnlichen Genusses soll ihren berechtigten Platz neben dem geschriebenen Wort haben. Das Buch ist in diesem Zusammenhang der Inbegriff für die Geistestätigkeit des Wissenschaftlers, für die er körperliches Wohlergehen voraussetzt. Die Aussage von der Einheit zwischen Körper und Geist unterstreicht Brecht, in dem er es der lebenstüchtigen Frau Sarti zur Aufgabe macht, Galilei wiederholt an die Bezahlung des Milchmannes zu erinnern. Frau Sarti beugt so einer Vergeistigung des Wissenschafters vor und holt ihn ins Leben zurück.

In seinem großen Schlussmonolog fordert Galilei die Wissenschaftler auf, den „Kampf der römischen Hausfrau um Milch“ gleichermaßen wie „den Kampf um die Messbarkeit des Himmels“ zu führen, da die Wissenschaft „mit beiden Kämpfen zu tun“ (S. 127) hat. So verweist er noch einmal deutlich auf den sozialen Auftrag des Forschers.

Die Motivkreise Milch und Buch, werden von Brecht in der letzten Szene in der Figur Andrea Sarti noch einmal zusammengeführt. Beladen mit einem Gefäß Milch und einer Kiste voller Bücher, unter anderen mit Galileis Manuskript, überquert Sarti die Grenze. Den mit Milch gefüllten Krug, überlässt der junge Wissenschaftler der Alten. Die Entscheidung nur mit der Discorsi weiter zu reisen, kann als einfühlsame Geste Sartis, für die Unterstützung von materiell Bedürftigen, verstanden werden. Andererseits stellen sich durch die Trennung von Milch und Buch Bedenken ein, kündigt er doch somit die von seinem Lehrer geforderte Einheit von sozialer und geistiger Tätigkeit auf.

Motiv des Sehens

Dieses Motiv ist mit vielfältigen Bedeutungsschichten unterlegt. So ist Galileis Bemühen, die Welt durch rationale Beweisführung von der Richtigkeit der kosmischen Ordnung des Kopernikus zu überzeugen, mit einer ganzen bestimmten Form des Sehens verknüpft.

Die Verteidiger des alten Weltbildes, allen voran die Kirchengelehrten, praktizieren eine Sehweise, die sich von den beobachtbaren Phänomenen weg ausschließlich auf die heilige Schrift richtet. Diese engstirnige Sichtweise führt letztlich zu der geistigen Unbeweglichkeit, die sich neuen Erkenntnissen verschließt. Die aus der freiwilligen Beschränkung auf das geschriebene Wort resultierende eingeschränkte Erkenntnisfähigkeit, ist mit einer beruhigenden Gewissheit gepaart, die Gläubigen fühlen das Auge Gottes auf sich ruhen, ihr Schicksal ist in göttlicher Hand.

Konträr dazu ist Galileis Art des Sehens. So z. B. als er seinen Schüler Andrea Sarti anfährt: „Du siehst gar nichts. Du glotzt nur. Glotzen ist nicht sehen.“ (S. 13), womit er auf das verstehende Sehen verweist, was über das registrierende Wahrnehmen hinausgeht. Für Galilei steht ein vernünftiges sehen, das die visuelle Beobachtung mit einer logischen Erklärung verbindet, im Vordergrund. So vermittelt er dem jungen Sarti im 1. Bild, durch ein wissenschaftliches Experiment, mit Hilfe eines Apfels und eines Holzsplitters, die Bewegung der Gestirne.

Die Benennung der gesellschaftlichen Folgen, die der Übergang vom geo- zum heliozentrischen Weltbild mit sich bringt, verweist auf die soziale Bedeutung des Sehens. Diese Fähigkeit in gesellschaftlichen Zusammenhängen zu denken, verliert der Wissenschaftler im Verlauf des Stückes immer mehr. Seinem Freund Sagredo versichert Galilei in blindem Vertrauen auf die menschliche Vernunft, dass er im Gegensatz zu Giordano Bruno die Welt von der kopernikanischen Lehre zu überzeugen vermag. Mithilfe des Fernrohres, hat er eine sichtbare Beweisführung und will die Mönche „bei den Köpfen nehmen und sie zwingen, durch dieses Rohr zu schauen“ (S. 40). Galileis wissenschaftlicher Ehrgeiz hat ihn so geblendet, dass er seinen Einfluss überschätzt. Das Wissen um die Positionsgebundenheit des Sehens, die Einsicht also, dass die Perspektive des Betrachters eine bestimmte Erkenntnis ermöglicht, andere Wahrnehmungsformen aber zugleich ausschließt, verliert er aus dem Blick. Dies führt zur Fehleinschätzung des sozialen Kräftefeldes, die der Physiker erst am Ende wieder berichtigen kann.

In der Schlussszene verleiht Brecht dem mittlerweile erblindeten Galilei visionäre Fähigkeiten, um das Zusammenspiel von innerer gedanklicher Ahnung und äußerlich sichtbarer Wahrnehmung, zu verdeutlichen. Seine Rede vom „universalen Entsetzensschrei“ (S. 128) erweist sich als überaus hellsichtig, da sie zukünftige Entwicklungen vorweg nimmt und Alternativen aufzeigt.

Bedeutung des Fernrohrs

Die Bedeutung des Fernrohrs als Hilfsmittel für die wissenschaftliche Erkenntnis, ist eng verknüpft mit dem Motiv des Sehens. Kurz nach dem Galilei durch Ludovico von dem in Holland erfundenen Fernrohr erfahren hat, überreicht er es feierlich der Republik Venedig, als eine von ihm, nach 17-jähriger Forschungsarbeit getätigte Erfindung. Dieser Betrug sichert dem Wissenschaftler den lebensnotwendigen Lohn und verweist auf die Macht der Gesetze des Marktes über die wissenschaftliche Forschertätigkeit: „Skudi wert ist nur, was Skudi bringt.“ (S. 20) Ausschließlich weil das Fernrohr die Herrschaftsinteressen bedient, erhält der Gelehrte die 500 Skudi:
„Und ist es ihnen eingefallen, dass wir vermittels dieses Instruments im Kriege die Schiffe des Feinds nach Zahl und Art volle zwei Stunden früher erkennen werden als die unsern, so dass wir, seine Stärke wissend, uns zur Verfolgung, zum Kampf oder zur Flucht zu entscheiden vermögen?“ (S. 26)

Auf diese Art und Weise von seinem Erfinder losgelöst, nimmt das Fernrohr Warencharakter an, und kann selbst für militärische Zwecke missbraucht werden. Wobei Galilei es moralisch vertretbar ausschließlich als Werkzeug für seine astronomischen Beobachtungen nutzt. Somit kann er seine Forschungshypothesen vom heliozentrischen Weltbild erstmals beweisen.

 
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